Annahmestellen: Viel mehr als Kreuzchen machen

Lotto spielt man in einer Annahmestelle, macht seine Kreuzchen, gibt den Spielschein ab, bezahlt und geht. Denken sich viele. Doch der Besuch in einer Lotto-Annahmestelle zeigt, dass dies ein besonderer Ort ist.

Während meine Kollegen noch das Equipment aus dem Auto holen, bin ich, kaum dass wir angekommen sind, schon in ein erstes Gespräch mit Kunden der Schorndorfer Lotto-Annahmestelle unweit des Bahnhofs vertieft. „Ein Kundenvideo drehen sie, aha, na da bin ich genau der richtige Protagonist. Ich komme nämlich jeden Tag hierher, bin sozusagen Stammkunde“, erklärt mir Peter, der heute mal nicht Lotto spielt, sondern vorbeischaut, um einen Kaffee zu sich zu nehmen und ein bisschen zu plaudern. „Die haben hier den besten Kaffee der Stadt“, sagt er als er vom Tresen zurückkehrt und sachte die Oberfläche seines heißen Kaffees zur Kühlung anpustet.

So sieht nicht nur er das, der Kiosk hat sich zum festen Treffpunkt seiner Kumpels entwickelt. „Hier lesen wir unsere Zeitung, trinken Kaffee, tauschen uns aus – und spielen Lotto. Klar, wir haben ja auch Zeit, wir sind Rentner“, lacht der 75-Jährige und begrüßt den nächsten Gast der Annahmestelle mit Vornamen. „Heinz, grüß´ Dich.“ „Peter, hallo, na dass Du da bist, ist ja keine Überraschung“, ruft er mit lautem Lachen in Richtung des anderen Stammgastes. Dann beugt er sich vertrauensvoll zu mir und sagt: „Wissen sie, Kaffee trinken, reden und Lotto spielen könnte ich auch bei mir im Viertel. Eigentlich liegt dieser Ort eher ungeschickt für mich, muss dafür immer einen Umweg in Kauf nehmen. Aber hier erfahre ich stets das Neueste – und der Kaffee ist tatsächlich sagenhaft“, zwinkert Heinz mir zu.

Ein Handwerker fährt mit seinem Lieferwagen vor und steigt schnell aus, um sich mit einem Kaltgetränk zu versorgen. „Und, Junger, wie läuft´s?“ rufen die Stammkunden unisono in Richtung des Handwerkers. „Gut, danke, aber ich muss weiter, die nächste Baustelle wartet.“ Daraufhin lachen die Männer und Peter ruft zur Freude aller Umstehenden: „Awa, du schaffsch doch eh nix – nix für ungut, hab nur ein Witzle g´macht.“ Humor sei auch ein Grund, warum sich die Herren in der Lottoannahmestelle statt in einem Café treffen. „Hier ist es bedeutend unterhaltsamer und vor allem trifft man hier jede Art von Mensch. Das  macht die Annahmestelle so interessant“, sagt Peter wieder ernst werdend.

Plötzlich klingelt in der Brusttasche von Heinz ein Handy. Bevor er das Gespräch annimmt, klärt er die Runde auf, die Kaiserin von China rufe an. „Meine Frau war dran“, sagt er als das Gespräch beendet ist. „Ich soll heimkommen, das Essen ist fertig.“ Wenn er nicht verheiratet wäre, würde er den ganzen Tag hier stehen, Kaffee trinken und sich unterhalten. „Da bin ich mir sicher. Das ist für mich mittlerweile nicht mehr aus meinem Alltag wegzudenken.“ Dann verabschiedet er sich mit lautem „Ade“.

Peter trinkt seinen Kaffee aus und holt sich noch ein Fußballmagazin für daheim. Vom Annahmestelleninhaber verabschiedet er sich mit Handschlag und dem Versprechen. „Morgen komme ich wieder. Spätestens.“

p.s.: Das Kundenvideo haben wir erfolgreich fertig gedreht. Dieses könnt Ihr demnächst auf unserem YouTube-Kanal sehen. Und der Kaffee war wirklich hervorragend.

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