Glück passt in 3 Minuten

Lotto Baden-Württemberg fördert jedes Jahr viele Veranstaltungen im Bereich Kunst und Kultur. So auch seit einigen Jahren das International Summer Camp der Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim. Diese praxisorientierte Woche bietet auch externen Teilnehmern einen international vernetzten Bandworkshop unter der Anleitung eines hochkarätigen Dozententeams. Zusätzlich zu den täglich stattfindenden Intensivproben stehen auch Einzel- und Gruppenunterricht für Gesang, Gitarre, Bass, Keyboard und Schlagzeug auf dem Programm. Professionelle Bandproben, musikalische Teamarbeit und die Umsetzung von kreativen Ideen stehen im Mittelpunkt des Sommerkurses. In diesem Jahr freuen wir uns besonders über einen Beitrag der britischen Songwriterin Michelle Leonard.

Ein Song dauert in der Regel etwa drei Minuten – drei Minuten, in denen ich mich austoben kann, Welten erschaffen kann, Gefühle erzeugen kann, Leute abholen und sie eventuell trösten kann, sie zum Tanzen bringen kann, einige zum Nachdenken anregen kann … Ich sehe Klänge und Töne manchmal in Farben und habe mehr als einen Pinsel und eine Leinwand, um mich auszudrücken – Instrumente, Melodien, Texte – in drei Minuten kann man eine Zeitmaschine erschaffen, einen Evergreen. Ob nur für sich selbst oder für andere. Jeder Song – egal in welchem Genre – ist wie ein Fingerabdruck des Hier und Jetzt, welches festgehalten wird. Das ist Glück für mich! Die Möglichkeit, dies tun zu können, ist Glück für mich. Der Austausch mit dem Leben, dem Zeitgeist, Fragen, Wunden, Philosophien, Klangwelten und all die Einflüsse, die ich in meinem Leben gesammelt habe. Die Bibliothek, die ich in mir erschaffen habe, wenn ich dann mit anderen Künstlern und Musikern diese Welten aufmache und was Neues gemeinsam erschaffe; dann ist dies auch Glück für mich.

Junge (nachwuchs-)Musiker können sich während der Woche live ausprobieren

Während ich dies hier schreibe, sitzt unten in meinem Wohnzimmer/Studio ein Musiker aus Chicago, der den Blues in seinen Venen hat, der mit Produzenten von Bob Dylen und Keith Richards gearbeitet hat. Wir kommen aus komplett unterschiedlichen Welten aber sobald er die Gitarre rausholt und wir Jammen ist das egal. Genau da ist auch die Spannung, die es spannend für mich macht. Dieses „Spielen“: Das ist Glück für mich. Ich habe mich schon als Kind gefragt, warum ich hier bin und war tatsächlich etwas ängstlich und oft „in meiner eigenen Welt“; Musik hat mir Selbstvertrauen geschenkt – zum Glück.

Als ich im Alter von 17 Jahren meinen ersten Verlagsvertrag und die ersten Plattenverträge bekommen habe, war das eher „Glück“, eine Art Anerkennung, ein Zeichen, dass es klappen könnte. Dass ich vielleicht damit auch Geld verdienen könnte. Was gibt es schöneres, als von dem, was man liebt und in sich trägt, Geld zu verdienen? Ich hatte „Glück“.

Es gab viele Ups and Downs, Tränen und Probleme auf dem Weg. Manchmal hatte ich überhaupt keine Kohle, dafür ein kleines Studio im Keller. Nachdem ich meinen ersten Major-Plattenfirmen–Flop durchlebte und ich fast vergessen hatte, warum ich das alles machte, fing ich an in den 90er eine Art Poetry Slam mit gebastelten Sounds zu machen. Ich fing wieder an mit Freunden Musik zu machen – ohne Formen und ohne Grenzen. Ich erinnerte mich wieder. Das war Glück für mich. Dieser Prozess hat mich geheilt. Die Möglichkeit, dass Musik dies immer wieder schafft, ist Glück für mich.

Dann fing ich wieder an Pop und Rock zu schreiben, Songs zu schreiben. Ich konnte aber noch nicht von der Musik leben, obwohl ich natürlich viel gemacht habe. Ich war naiv, gutgläubig und einfach dankbar, wenn etwas veröffentlicht wurde. Ich fing also an, als Freelancer in verschiedenen Bereichen zu arbeiten, als DJ-Bookerin, als PR-Frau in renommierten Event-Agenturen. Doch mir fehlte immer etwas. Es waren sehr wichtige Lehrjahre. Ich lernte, mich mit dem Business auseinander zu setzen. Zum Glück hatte ich auch gute Leute um mich herum, die mich ermutigten, alles auf eine Karte zu setzen. Ich hatte erfahren, dass es den Beruf „Songwriter“ gibt und es gab Menschen, die in mir Potenzial erkannten. Die Menschen, die einem helfen, fördern und unterstützen waren und sind meine Diamanten.

Dann ging alles ganz schnell: Ich hatte einen Verlagsdeal bei Universal und ich wurde richtig „gepusht“. Ich hatte jeden Tag Co-Writes mit verschiedenen Musikern und mit bekannten und unbekannten Künstlern. Der Erfolg kam schnell, viele Nummer-Eins-Hits, Top Ten Alben. Ich hatte meine Flugangst schnell überwunden, da ich so viel auf Reisen war! Ich konnte meine Miete von der Musik bezahlen – ich hatte Glück.

Ein hochkarätiges Dozententeam um den Schlagzeuger und Geschäftsführer der Popakademie, Prof. Udo Dahmen (kniend), gibt den jungen Musikern viele Tipps und Tricks mit auf den Weg.

Cut a long story short: Ich bin Songwriterin und habe mit wunderbaren Musikern und Künstlern im Laufe meiner Karriere arbeiten dürfen. Aktuell mit tollen Künstlern wie beispielsweise Aurora und Alice Merton. Ich kann mich in vielen Genres austoben und arbeite parallel an meinem Album. Ich singe Dance Tracks, wenn ich Lust habe. Ich bin unter „Solamay“ zum Beispiel auf dem Robin Schulz Album „Sugar“ zu hören. Ich fördere Talente, habe einen starken Verlagspartner und kann von der Musik leben.

Ich liebe die Musik. Ich respektiere sie. Ich habe Spaß mit ihr. Wir können tanzen, wir können tiefgründige Gespräche führen, wir bauen Welten. Ich bin immer noch verspielt. Es war und es ist nicht immer alles so leicht, aber mein Leben ist spannend, ich habe so viele tolle Erinnerung sammeln dürfen und ich weiß, es werden noch so viele kommen. Ich musste lernen, Verantwortung für mich und „meine Musik“ zu tragen. Ich hatte so viel Glück in meinem Leben und versuche nun, das Glück für andere auf ihrer ganz eigenen persönlichen Reise zu sein: Deshalb fördere und unterrichte ich und das alles ist mein Glück.

Michelle Leonard (geb. 5 Juni 1973) ist eine britische Sängerin and Songwriterin, wohnhaft in Berlin. Seit 2006 hat Leonard diverse co-writtings für Single und Album Produktionen geschrieben. Als Songwriterin ist sie unter Vertrag bei BMG Rights Management.

In diesem Artikel

Kommentieren