Professor Udo Dahmen, Schlagzeuger, Autor und seit 2003 künstlerischer Direktor und Geschäftsführer der Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim. Im Rahmen des von Lotto Baden-Württemberg gesponserten International Summer Camp 2016 hatten wir die Möglichkeit, mit ihm zu sprechen. Wann er seine Leidenschaft für das Schlagzeug entwickelte, welches der wichtigste Beatles-Song ist und warum er nie Selfies mit Musikstars macht – das verrät er uns im großen Interview.

Herr Professor Dahmen, Lotto Baden-Württemberg unterstützt schon seit einigen Jahren die Popakademie Baden-Württemberg. Wie wichtig ist dieses Engagement?

Solche Engagements sind immer wichtig. Als staatliche Hochschule sind wir zum Glück in der komfortablen Situation und müssen uns nicht so viele Gedanken über das Thema Finanzierung machen. Stattdessen können wir uns mehr auf Forschung und Lehre konzentrieren. Aber Sponsoring wie das von Lotto Baden-Württemberg erlaubt uns darüber hinaus Veranstaltungen mit namhaften Coaches durchzuführen, wie zum Beispiel das International Summer Camp. Hiervon profitieren unsere Studenten sowie externe Teilnehmer und Studieninteressierte enorm.

Sie sprechen es an, das Interesse an Ihrer Hochschule ist enorm: 400 Bewerber auf circa 25 Plätze pro Semester – und das obwohl die Zukunft der Musikindustrie ungewiss ist. Denn vieles kann im Internet gratis oder illegal heruntergeladen werden. Können junge Pop-Musiker überhaupt noch reich werden mit Musik?

Ich glaube, der Anstoß für die meisten Musiker ist es nicht, reich zu werden. Es geht ihnen vielmehr darum, ihre Musik machen zu können. Natürlich war es früher sehr viel einfacher viel Geld zu verdienen. Heutzutage kann man selbst in den USA mit 10.000 verkauften Alben in einer Woche bereits eine Nummer 1 landen. Daran sehen Sie, dass Streaming aus dem Internet immer wichtiger wird, obwohl damit nicht so viel Geld zu verdienen ist wie mit physisch verkauften Tonträgern. Die großen Acts generieren mittlerweile im Live-Geschäft einen großen Teil ihres Umsatzes. Für Nachwuchsmusiker ist das leider nicht so einfach, das stimmt.

Aber jemand, der die Musik so liebt wie Sie, kauft bestimmt gerne Tonträger: Welche war Ihre erste Schallplatte?

Die ersten drei Singles, die ich mir gekauft habe waren „19th Nervous Breakdown“ von den Rolling Stones, „Shapes of Things“ von den Yardbirds und „Keep on Running“ von der Spencer Davis Group. Im Übrigen war das erste Album, das ich mir gekauft habe, die 5. Sinfonie von Beethoven, gespielt von den Berliner Philharmonikern unter der Leitung von Herbert von Karajan.

Sie bieten deutschlandweit als einzige Einrichtung den Studiengang „Weltmusik“ an:  Was dürfen wir uns darunter vorstellen?

Beim Studienfach Weltmusik konzentrieren wir uns auf die türkisch-arabische, indische und afrikanische Musik. Es geht darum, Musikstile außerhalb Europas im Studiengang darzustellen.

Was bedeutet für Sie die Arbeit mit jungen Nachwuchsmusikern?

Es ist extrem spannend. Vor allem die Entwicklung einer Künstlerpersönlichkeit mitzuverfolgen und den jungen Menschen deutlich zu machen, worauf es wirklich ankommt – und zwar für sie selbst und nicht für uns als Hochschule oder für sonst irgendjemanden – bereitet mir große Freude. Sie müssen sich selbst darüber im Klaren werden, wo sie hin wollen.

Was möchten Sie einem Nachwuchsmusiker, der dieses Interview liest, mit auf den Weg geben?

In sich selbst reinzuhören und die eigene Intention genau zu überprüfen. Welche Musik möchte ich machen, welche Vision habe ich – das sollten sie genau wissen.

Was gibt dem Schlagzeuger Dahmen den Takt fürs Leben vor?

Meine Empathie und das Bedürfnis, anderen dabei zu helfen, besser zu werden.

Professor Udo Dahmen – ein Internetstar: 1.295 Menschen haben Sie in Facebook abonniert, weitere 375 in Twitter. Wie viel Zeit verbringen Sie in Social Media?

Ungefähr eine bis zwei Stunden pro Tag. Das macht mir einfach großen Spaß.

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Prof. Udo Dahmen, Schlagzeuger, Autor und seit 2003 künstlerischer Direktor und Geschäftsführer der Popakademie Baden-Württemberg in Mannheim.

Sie kamen oft in Kontakt mit den wirklich großen Weltstars. Hand aufs Herz: Wie viele Selfies haben Sie schon dabei gemacht?

Keines, das mache ich nie. Wenn ein Bild entsteht, dann geschieht das eher zufällig. Denn ich bin kein Mensch, der mit jedem, der halbwegs bekannt ist, ein Foto macht. Das finde ich furchtbar.

Von Aachen über Köln und Paris nach Hamburg und Mannheim. Wo sind die kleinen aber feinen Unterschiede in der Kreativität der Musiker?

(lacht) Das kann man pauschal nicht sagen, denn das ändert sich über die Zeit stark. Mannheim ist zum Beispiel heutzutage – auch dank der Popakademie – ein sehr spannender Platz, obwohl die gesamte Region eigentlich immer schon recht interessant war; auch wenn sie in früheren Jahrzehnten immer ein wenig im Schatten von Hamburg, Berlin oder London stand. Das hat sich geändert. Dennoch sind nach wie vor die ganz großen Metropolen ein Platz wo per se sehr viele Musiker sind. Die Entwicklungsmöglichkeiten, die wir hier in Mannheim haben, sind aber grandios.

Geboren 1951, studiert in den wilden 70ern. Was war das Besondere für Sie an dieser Zeit?

Das Besondere war, dass wir alle das Gefühl hatten, alles tun zu können. Wir waren extrem frei und lebten nach dem Motto „The Sky is the Limit!“.

Wann und wie haben Sie ihre Leidenschaft und ihr Talent fürs Schlagzeug entdeckt?

1967. Das weiß ich deshalb so genau, weil ich im Februar 1967 die Rolling Stones zum ersten Mal live erlebt habe. Das war ein sehr prägender Moment für mich.

Welches ist eigentlich das beste Schlagzeugsolo in der Musikgeschichte?

Oha! Das kann man nicht auf ein Schlagzeugsolo reduzieren. Es gibt wahnsinnig viele sehr gute Drummer. Einer der besten Drummer aller Zeiten ist sicher Tony Williams. Aber auch Steve Gadd ist von großer Bedeutung, denn beide waren stilprägend für die spätere Entwicklung in der Drummer-Szene. Aber auch einige, die ich selbst ausgebildet habe, spielen in der heutigen Zeit ganz oben mit, zum Beispiel Benny Greb, Jost Nickel oder Anika Nilles.

Welches ist Ihr peinlichstes Lieblingslied, das Sie nur heimlich hören?

Da gibt es keines, denn es gibt generell keine peinlichen Lieder. Ich höre zudem nur Musik, die mir Spaß macht.

SWR2 am Samstagmittag. „Erklär mir Pop“ mit Udo Dahmen: Welche Story – die Ihnen sehr am Herzen liegt – möchten Sie hier kurz loswerden?

Ach, das ist eine ganz schwierige Frage. Was mich besonders berührt hat ist „Bitter Sweet Symphony“ von The Verve und die damit verbundene Geschichte. Denn das weltbekannte Orchestersample, das benutzt wurde, stammte ganz offensichtlich aus einer Orchesterversion des Songs „The last Time“ von den Rolling Stones. Das hat mich schon mittelschwer schockiert.

Sie kennen sicher all die großen Songs der Popgeschichte. Welchen bringen Sie dabei mit „Glück“ in Verbindung?

„All Along The Watchtower“ von Jimi Hendrix.

Warum?

Der Text hat einen unglaublichen Tiefgang. Es werden die Personen „The Joker“ und „The Thief“ dargestellt, die eigentlich zwei Personen in einer sind, also der Narr und der Dieb bzw. Lügner. Der Text hat also auf der einen Seite einen sehr starken philosophischen Tiefgang, auf der anderen Seite auch etwas sehr befreiendes, eine Mischung aus Apokalypse und Freiheit sozusagen. Der Text von Bob Dylan und die Musik von Jimi Hendrix haben dahingehend etwas mit Glück zu tun, weil sie eine tiefe Erkenntnis des Lebens darstellen.

Die Rente an der Popakademie kommt sicher irgendwann. Auch die Rente von der Musik?

Für mich gibt es keine Rente. Also Ruhestand im klassischen Sinne kann ich mir nicht vorstellen.

Singen Sie eigentlich auch unter der Dusche?

(lacht) Niemals!

Welches ist  Ihrer Meinung nach der meist unterschätzte Song der Welt?

Das ist sehr schwer, denn es gibt sehr viele davon. „Eleanor Rigby“ von den Beatles wurde zum Beispiel nie ein Hit, obwohl er sicher einer der ganz wichtigen Songs der Beatles ist.

Zum Schluss: Was bedeutet Glück für Sie?

Im Einklang mit sich selbst und in der Balance mit sich und mit dem Leben zu sein.

Herr Professor Dahmen, vielen Dank für das Gespräch.

 

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