Glück kann man nicht kaufen – aber laufen

Wer den Hund überwindet, hat Schwein. Zumindest war das in meinem Fall so: Als ich mich zunächst mit Zweifeln zum Stuttgart-Lauf angemeldet habe – und dann total glücklich im Ziel einlief.

Vier Kilometer. Das war bislang das Maximum meines läuferischen Freizeitschaffens. Sport ohne Ball war für mich eigentlich nie Sport. Zumal ich als familienorientierter Ehemann und Vater in meiner Freizeit sehr wenig zum Sport kam. War mir auch nicht so wichtig. Bisher.

Dann kam ein Moment, der – wie ich noch nicht ahnen konnte – mein Leben veränderte. Mein Lotto-Kollege Friedemann schrieb eine Rundmail, er habe noch freie Startplätze für den Stuttgart-Lauf zu vergeben. Beim Lesen schweben Bilder von ausgezehrten Marathon-Läufern vor meinem geistigen Auge vorbei – und ich will die Mail eigentlich schon löschen. Doch, warum auch immer, einmal will ich mich zumindest informieren und gebe die Veranstaltung bei Google ein. Und was ich vorfand, weckte mein Interesse. 7 Kilometer, quasi der Volkslauf, schienen mir machbar. Auf den Bildern im Netz waren ausschließlich gutgelaunte Läufer und feiernde Zuschauer zu sehen. Blaskapellen spielen am Streckenrand und feuern die Läufer an. Was ich im Internet bestaune ist völlig anders als das, was bisher unter einem Stadtlauf in meinem Kopf abgespeichert war. Mehr als nur neugierig, fast euphorisch melde ich mich an.

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Vor dem Start steigt die Nervosität sprunghaft an. Die Rahmenbedingungen beim von Lotto Baden-Württemberg unterstützten Stuttgart-Lauf sind top.

Eine Woche vergeht, ohne dass ich auch nur einen Gedanken an meine Laufschuhe verschwendet hätte. Bis zum Stuttgart-Lauf sind es noch drei Wochen. Nicht viel Zeit für einen untrainierten Bürohengst, der mehr als zwei Zentner auf die Waage bringt. Aber auch nicht zu spät, wenn man den Willen aufbringt, sich vielleicht ein bisschen zu quälen. Da mein schlechtes Gewissen schon drückende Allgegenwart geworden ist, raffe ich mich endlich auf – nicht ohne nachmittags noch zwei Schokoriegel zu tanken  – nach Feierabend zu laufen. Eine entsprechende App hält mich via Smartphone über mein Pensum auf dem Laufenden. Ich, der Laufende, schaffe mit viel Biss immerhin 4,8 Kilometer. Fehlen noch 2,2. Meine Rechnung sah so aus: Ich muss die 6 vor dem Lauf im Training schaffen. Die restlichen tausend Meter würden mir die frohe Zielerwartung sowie mein Wille ermöglichen.

Klingt erstmal logisch. Denn eine frohe Zielerwartung hält der Stuttgart-Lauf für alle Läufer bereit: Der Zieleinlauf ist in der Mercedes-Benz-Arena. Einmal laufen, wo die Profis kicken. Wow. Das will ich schaffen und laufe – zwei Wochen vor dem Event – bereits 5,5 Kilometer. Über das Wie schweigen wir. Fehlen noch 1,5.

Am Mittwoch vor dem Lauf aller Läufe schaffe ich abends im Feierabendsmog des Stuttgarter Kessels 6,1 Kilometer. Zwar keuchend, hustend und taumelnd, aber ohne Motivation durch die Fersen meiner Mitläufer, ohne aktives Publikum und ohne das Stadion-Ziel vor Augen. Diese Faktoren eingerechnet, würde ich es schaffen. Mein Ziel: Unter einer Stunde bleiben.

Dann beginnt er, der Tag aller Tage, mit einem kleinen Frühstück. Meine Frau und meine Tochter stimmen mich ein, motivieren mich und versprechen hoch und heilig, mir beim Zieleinlauf von der Tribüne aus zuzujubeln – egal wann und wie ich dort eintreffe. Weil ich meine Startnummer und meinen Zeiterfassungschip noch abholen muss, verlasse ich schon um 9 Uhr unsere Wohnung. Wenn schon nicht richtig fit, dann wenigstens pünktlich.

Viele Läufer sind unterwegs. Eine besondere Spannung liegt in der Luft. Immer öfter muss ich ohne Anstrengung tief durchatmen. Als ich die Hanns-Martin-Schleyer-Halle betrete, riecht es nach Isotonischen Getränken und Umkleidekabine. Wettkampffieber steigt in mir auf, als ich mich in die Schlange einreihe, um meine Startunterlagen abzuholen. Geschafft. Mit vier Sicherheitsnadeln befestige ich die Startnummer an meinem T-Shirt, dann begebe ich mich so langsam Richtung Start hinter die Mercedes-Benz-Arena. Dort sehe ich uns überall: Lotto Baden-Württemberg unterstützt den Lauf – das freut und motiviert mich.

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Mit MC Bruddaal am Start.

Es wird voller. Letzte Dehnübungen, noch ein Selfie mit Stuttgarts Lokalpatrioten-Rapper MC Bruddaaal – und schon geht´s los. Was ich vier Wochen zuvor nicht im Traum gedacht hätte, ist Realität: Ich laufe beim Stuttgart-Lauf! Und besser als erwartet: 45 Minuten und 18 Sekunden benötige ich für die 7 Kilometer – ich habe es bis zur letzten Sekunde genossen.

Schon nach rund einem Kilometer nimmt die Zahl der klatschenden Zuschauer zu. Das macht einfach Spaß. Zwischendurch gibt es Blickkontakt mit anderen Läufern, man lächelt sich aufmunternd an. Bei Kilometer drei, wir laufen durch Untertürkheim, bleibt mein Nebenmann stehen und keucht schwer. Ich sage „komm, laufen wir gemeinsam und dafür ein bisschen langsamer“. So joggen wir gemütlich bis Kilometer 4, dann nehme ich wieder etwas Tempo auf. Oder was ich unter leichter Beschleunigung verstehe.

Bei Kilometer 5 gibt´s Wasser – das brauche ich. Am Straßenrand feuert mich eine Frau lautstark an. Ich kenne sie nicht. Wie nett, denke ich. Da blickt sie an mir vorbei, als ich auf ihrer Höhe vorbeilaufe. Sie meinte jemanden hinter mir. Trotzdem spüre ich noch Reserven in mir. Das motiviert mich.

Nach knapp 6 Kilometern merke ich, wie meine Beine schwerer werden. Dafür nimmt die Zahl der Zuschauer am Straßenrand Richtung Stadion wieder merklich zu. Eine Musikkapelle spielt „Eye of the Tiger“, den Soundtrack zum Boxerfilm „Rocky“. Wie  dieser denke ich: keine Schmerzen. Und laufe weiter. Als ich den Zaun zum Stadiongelände passiere, sind es noch rund 250 Meter bis ins Ziel. Mein Herz beginnt wie wild zu pochen. Nicht, weil ich so erschöpft bin. Nein, es ist die Aufregung, gleich in der Mercedes-Benz-Arena ins Ziel einlaufen zu dürfen.

Axel kommt an

Auf der Zielgeraden nehme ich im Augenwinkel eine jubelnde Frau und ein glücklich kreischendes kleines Mädchen wahr. Meine Frau und meine Tochter jubeln mir von der Tribüne aus zu. Was für  ein wunderschöner Moment.  Aus meinem Gesicht weicht die Anstrengung und ein Lächeln macht sich breit. Ich habe es geschafft. Jaaaaaaaaaaaaaaaaaa!

Glück kann man nicht kaufen – aber laufen.

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Nach dem Lauf die Beine hoch – gemütlicher Ausklang am Lotto-Mobil.
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